Jugendsprache

Vor kurzem ist Cringe zum Jugendwort des Jahres 2021 gekürt worden. Was bedeutet Cringe? Aus dem Englischen übersetzt bedeutet das Verb „to cringe“ so viel wie „zusammenzucken“ oder „erschaudern“. Etwas deutlicher wird der Bezug zur Bedeutung in der Jugendsprache bei der Formulierung „to make someone cringe“ was soviel bedeutet wie „jemanden zusammenzucken lassen“. Denn das Wort Cringe bedeutet, dass man sich für jemanden anderen beziehungsweise für sein Verhalten oder seine Äußerungen so stark schämt, dass man (innerlich) zusammenzuckt.

Als Cringe würden Jugendliche es demnach wohl vermutlich bezeichnen, wenn ein Erwachsener durch den Gebrauch von Jugendsprache versucht, sich bei ihnen anzubiedern oder jugendlich zu wirken.

Aber was ist Jugendsprache und welchen Zweck erfüllt sie für seine Nutzer?

Zum einen sind Heranwachsende auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Diese suchen und finden sie zunächst einmal in der Abgrenzung zu den Erwachsenen. Sie wollen ihr eigenes Leben leben, nicht was ihnen frühere Generationen vorgelebt haben. Jugendsprache ist ein Teil dieser bewussten Abgrenzung, andere sind beispielsweise das äußere Erscheinungsbild (Kleidung, Frisur) und die Lebenseinstellung. Dies ist auch der Grund, warum Jugendsprache gerne auch mal provokant ist und die Erwachsenen herausfordert. Erwachsene reizen, Grenzen ausloten und zum Teil auch überschreiten –  das ist durchaus so gewollt und gehört zum Entwicklungsprozess, den Jugendliche mal stärker, mal weniger stark durchlaufen. Daneben hat Jugendsprache auch eine spielerische Seite: Wörter und Redewendungen werden gerne auch mal kreativ verändert, sei es durch Sprachwitz, Ironie oder karikaturhafte Übertreibung.

Neben der Abgrenzung von den Erwachsenen verfolgt Jugendsprache auch den Zweck, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe anzuzeigen und zu festigen. Dies wiederum entspringt dem Grundbedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit, das der Mensch als soziales Wesen hat. Dieses Bedürfnis ist tief in uns verankert. Seit es Menschen gibt, war es für einen Einzelnen schwerer zu überleben, als für Angehörige einer Gemeinschaft. Zwar müssen wir heute nicht mehr gemeinsam jagen, aber gerade auch die Kontaktbeschränkungen durch die COVID-19-Pandemie haben wieder deutlich gezeigt, wie stark das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist und dass wir in vielerlei Hinsicht aufeinander angewiesen sind.

Gerade in einer verunsichernden Lebensphase wie der Pubertät, in welcher die eigene Identität und das eigene Leben so  im Umbruch sind, bringt die Zugehörigkeit zu einer Gruppe Gleichaltriger oder Gleichgesinnter ein Stück weit seelische Stabilität und Sicherheit. Aus diesem Grund gibt es auch nicht die eine Jugendsprache, sondern Jugendsprachen, die eine gemeinsame Schnittmenge teilen, aber lokale oder soziale Unterscheidungen aufweisen. Die Unterschiede dienen auch in diesem Fall einer Abgrenzung, hier aber einer Abgrenzung zu einer anderen Gruppe Gleichaltriger, um die eigene Identität weiter auszufeilen.

Kein neuzeitliches Phänomen von Sprachverfall

Mag es für Erwachsene so wirken, als wäre Jugendsprache ein beängstigendes Zeichen von Sprachverfall unserer Zeit, so trifft das in Wirklichkeit nicht zu. Auch frühere Generationen hatten jeweils ihre Jugendsprachen und die Klage über den Verfall von Sitten und Sprache beim Nachwuchs ist schon jahrtausendealt. Allerdings gibt es über frühere Jugendsprachen nicht so viele Aufzeichnungen wie in unserer Zeit, da die Jugend in der Forschung noch nicht so lange als eigene Altersgruppe betrachtet und erforscht wird. Heute kommen Begriffe aus der Jugendsprache oft aus dem Englischen oder Arabischen, früher entlehnte man Wörter aus dem Französischen, Griechischen oder Lateinischen, um sich von anderen Gruppen abzugrenzen.

Sprache ist ständig im Wandel. Wörter kommen, manchmal verändern sie ihre Bedeutung, manchmal verschwinden sie wieder in die Sammlung selten genutzter oder gar ausgestorbener Wörter.  Im Laufe der Zeit werden aus Jugendlichen Erwachsene. Teile ihrer Jugendsprache nehmen sie dabei mit in ihren Erwachsenenalltag, andere Begriffe landen in der Versenkung. Das eine oder andere Jugendwort schafft es aber sogar in die Umgangssprache einzugehen. Ist doch echt cool, oder?

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